Freitag, 26. Juni 2009

Hallo Welt und Goddag

Mittlerweile befinden wir uns seit etwas mehr als einer Woche in Bork Havn, Dänemark, wo wir uns intensiv dem Windsurfen widmen, etwas russisch lernen, viel lesen und essen und schlafen und geniessen. Es ist bis weit in die Nacht hell. Richtig dunkel wird es eigentlich gar nie. Selbst um Mitternacht ist am Horizont noch die Dämmerung zu sehen. Für uns ist das einerseits praktisch (wir schonen die Batterien unserer Taschenlampen) und andererseits völlig neu und ungewohnt. Ich habe schon ewig nicht mehr den Mond gesehen. Aber ich weiss eigentlich nicht, ob es daran liegt, dass es, wenn man in den Himmel schaut, selten ganz klar ist oder ob sich der Mond einfach nicht so weit in den Norden rauf getraut.

Im Windsurfen können wir beide einige Fortschritte verbuchen: Vali ist viel am Gleiten im Trapez und benutzt fleissig beide Fussschlaufen. Halse und Duck-Jibe sind bei schwächerem Wind ebenfalls kein Problem. Mir ist gestern zweimal der Wasserstart geglückt und ich habe danach bei etwas schwächerem Wind meine zweite Heli-Tack gestanden. (Für Nicht-Surfer: Das verwendete Vokabular kann unter http://www.tricktionary.de/ nachgeschlagen werden.) Ich konnte es übrigens nicht lassen, einen Kite-Kurs zu besuchen. Die Theorie am Morgen war sehr interessant und das Fliegen dieses grossen Drachens im Wasser am Nachmittag war eine eindrückliche Erfahrung. Wahrscheinlich mache ich auch noch den dritten Teil des Kurses, der dann mit Kite und Board zusammen absolviert wird. Anschliessend könnte ich Material ausleihen, um selbständig Kiten zu gehen.
Die letzten beiden Nächte haben wir übrigens nicht im Zelt verbracht, sondern konnten uns auf echten Matratzen in einer „Hytten“ so richtig ausschlafen und danach mit anständigem Geschirr auf der eigenen Veranda edel frühstücken. Der Grund für diesen Luxus ist jedoch nicht etwa, dass wir diese Entspannung dringend benötigt hätten. Nein, denn vor zwei Tagen stürmten ca. 100 Internatsschüler im Teeniealter auf unsere Zeltwiese. Da die Platzwärtin natürlich davon wusste, hatte sie uns freundlicherweise das Angebot unterbreitet, gratis in eine der Hütten zu ziehen, was wir natürlich gerne taten.
So, und nun zu unserer Reise von Hamburg hierher…
Unser erster Kettenwechsel am Vortag unserer Abreise in Hamburg hatte es in sich. Am Abreisetag selber war ich nämlich erstens wieder einmal nicht der Schnellste im Packen und zweitens hatte ich gemeinerweise Valis Kette so montiert, dass es gerattert hatte und man die Kette noch einmal öffnen musste (im Regen), um sie richtig einzufädeln. Das ging dann aber glücklicherweise aufgrund der angeeigneten Übung relativ fix über die Bühne.
Nach einem Morgen im strömenden Regen erreichten wir am Nachmittag Glückstadt, wo glücklicherweise endlich die Sonne schien und wir für Kaffe und Kuchen eine kurze Pause machten. Vor der Bäckerei sassen einige Mitgliedern der hiesigen „Hafen-Gang“, wie sie uns selbst erklärten. Diese bestand aus lustigen, pensionierten Herren, die sich auf eine gute Art über alles amüsierten, was da so den Weg entlang kam und jeden wortreich und unüberhörbar kommentierten und Sprüche klopften. Hier ein Zitat, um ein Beispiel zu geben: „Wissen Sie, wir müssen die Zeit überbrücken, denn wir sind ja zur Ruhe gekommen.“ Die Herren erklärten uns später auf unsere neugierig gestellten Fragen hin wie Glückstadt zu ihrem Namen gekommen ist (beim Stadtbau hiess es, dass es trotz Moorboden als „Fundament“ glücken solle!) und was Matjes ist (jungfräulicher Hering).
Wie in Friesland anscheinend üblich, windet es hier tatsächlich sehr viel und intensiv. Vali hat da so eine Theorie, dass sich der Name „Friesland“ aus dem englischen Wort freeze ableitet, da hier so ein raues Klima vorherrscht. Ich meine jedoch gesehen zu haben, dass die Leute sich hier vom tollen Wind riesige Frisuren frisieren lassen und der Name daher stammt.

Am Abend erreichten wir Brunsbüttel, wo wir die Fähre über den Nord-Ostsee-Kanal nehmen mussten (Überfahrt gratis – wie eigentlich fast auf allen Fähren in Deutschland, die als Brückenersatz dienen), um auf unseren Campingplatz zu kommen. Dieser lag direkt an der Elbe, wo man auf dem Damm stehend den Frachtschiffen zusehen konnte. Natürlich hat es auch hier wieder gewindet (was auch gut ist, denn schliesslich fuhren wir ja zum Windsurfen nach Dänemark!).
Am nächsten Tag kamen wir aufgrund des massiven Gegenwinds nur 60 km vorwärts und übernachteten in Wesselburen wiederum am Damm mit grossartiger Aussicht auf das Wattenmeer und mit Schafen gesprenkelten Wiesen. Da es am nächsten Tag eisig kalt war und nur einmal geregnet hatte, verbrachten wir den gesamten Tag im Zelt (inkl. Zubereitung und Einnahme der Mahlzeiten!). Es war sehr gemütlich und die Erholung war uns willkommen. Vali nutzte die Zeit um zu lesen und ich liess die vergangenen Tage in mein Tagebuch einfliessen.
Die Wiese in Wesselburen war übrigens nicht nur von Zeltern sondern auch von Maulwürfen bewohnt. So kam es, dass mich mitten in der Nacht etwas durch den Zeltboden am Fuss stupste. Ich sagte zu Vali: „Ich glaub a mim Fuess rüttlet en Mulwurf.“ Worauf Vali geistesgegenwärtig erwiderte: „Tuenen haue, suscht bisst er eus no es Loch in Bode!“ Ich hatte natürlich Mitleid mit dem armen Geschöpft, habe ihm aber trotzdem zünftig eins auf den Hügel geklopft. Am nächsten Tag war es glücklicherweise wieder trocken, so dass man ein Zelt vernünftig einpacken konnte, und wir machten uns auf um nach Nordstrand zu radeln, eine deichverursachte Halbinsel mit Fährhafen und damit Gelegenheit die Insel Sylt auf dem Seeweg anzulaufen. Unterwegs ass ich an einer Tankstelle meine ersten „Matjes“, und ich muss sagen, die schmeckten mir wirklich ausgezeichnet. Danach wurden wir – vor allem über den Damm nach Mordstrand – von brutalem Seiten- und Gegenwind geknüttelt. Insgeheim freute ich mich bereits auf die Surferei in Dänemark und dachte: „Also wenn es in Bork Havn auch so viel Wind hat, dann geht die Post aber richtig ab!
Auf dem Campingplatz angekommen, besorgten wir und erstmal zwei Flaschen Bier, packten uns gemäss dem Zwiebelprinzip in all unsere Klamotten und stiegen auf den Damm des Elisabeth-Sophien Koogs. Dort stellten wir fest, dass uns der Wind beinahe aus den Latschen gezogen hätte (ca. 7-8 Beaufort). Auch dieser Damm war von zahlreichen Schafen bedeckt. Sie randalierten und hatten vor die Sitzbank umzuwerfen.

Die Luft war dermassen zugig, dass man sich dagegen stellen konnte und nicht umfiel. Eine kurze Weile lang versuchten wir es den frechen Schwalben – allesamt phantastische Flugakrobaten, welche mit spielerischer Leichtigkeit die Brise am Damm für ihre Kapriolen ausnutzten – gleichzutun und stellten uns in den Wind. Leider hat es dann doch nicht geklappt, was uns jedoch ein wenig verwunderte.
Am nächsten Tag während der Überfahrt nach Sylt fuhren wir an diversen Halligen vorbei. Eine „Hallig“ ist eine meist landwirtschaftlich genutzte Insel ohne Damm, worauf die Häuser auf den wenigen Erhöhungen gebaut sind, so dass bei einer Sturmflut nur die Felder, nicht aber die Wohnungen „Land unter“ sind. Unterwegs haben wir zudem auf Sandbänken ausruhende Seehunde gesichtet. Mit auf dem Schiff war übrigens auch ein so genannter „Polterhase“, der Mohrrüben und ziemlich starke Säfte unters Volk brachte, um bald darauf mit seiner Mannschaft die Insel Sylt zu verpoltern.
Auf Sylt angekommen, mussten wir unsere Fahrräder neu bepacken, da wir das gesamte Gepäck für die Überfahrt von unseren Rädern nehmen mussten. Anschliessend machten wir uns sogleich auf den Weg nach Westerland, der (Party-) Haupstadt Sylts. Landschaftlich hat uns die Insel sehr gefallen. Mit all den wilden Rosenbüschen und sonstigen Heidepflanzen, den mosigen Pölsterchen und den wenigen, dafür umso mehr Harzduft verströmenden Nadelbäumen wurden wir sehr an unsere Alpenalmen erinnert. Zudem freuten wir uns darüber, auch hier die reetbedeckten Schlumpfhäuser mit ihren typischen runden Formen wiederzufinden.

Am nächsten Tag mussten wir nur noch wenige Kilometer nach List radeln um von dort aus die Fähre nach Rømø (Tipp von Serge und Heide) zu nehmen. Unterwegs zum Hafen haben wir Ursula und Ruedi aus Aarberg getroffen, welche uns bereits von weitem freudig und auf Schweizerdeutsch angesprochen haben. Der Grund dafür waren – wie so oft – unsere Taschen mit dem Aufdruck von Veloplus. Nach einem gemütlichen Schwatz mussten wir pressieren, um nicht unsere Fähre zu verpassen. Im Hafen reichte es dann noch für einen kleinen Snack und schon hiess es „Einsteigen und ab nach Dänemark!“. Bereits in der Reihe stehend erkannten wir Ruedi und Ursula wieder, die uns heftig winkend zum Abschied grüssten.
Die Überfahrt war kurz, warm und schön. Da wir etwas um Rømø herumfuhren, konnten wir per Drachen angetriebene Strand-Boogies beobachten, welche ihre Runden durch den flachen Sand zogen. Rømø liegt bereits in Dänemark, was man an der ulkigen Schreibweise ja unschwer erkennen kann. Und so verliessen wir das Schiff und standen zum ersten Mal in unserem Leben auf dänischem Grund und Boden. Uns fiel sogleich die dänische Art zu bauen ins Auge. Besonders aufgefallen sind uns kubische und zum Schutz vor Hochwasser aufgebockte Würfelbauten (wir haben sofort an unseren Architekten zu Hause gedacht) direkt an der Hafenpromenade. Später entdeckten wir, dass hier die meisten Kirchen weiss gestrichen und mit geschwungenen Eisenbeschlägen an den Wänden versehen sind.
Seit wir in Dänemark unterwegs sind versuchen wir die Sprache hier zu ergründen. Ich hatte bald eine Theorie darüber aufgestellt, dass die Mehrzahl von vielen Nomen durch das Ansetzen des Buchstabens „r“ gebildet wird. In Ribe, der ältesten Stadt Dänemarks, wurde die Theorie anhand der öffentlichen Toilette überprüft und für korrekt befunden.

Ribe war jedoch nicht bloss die Stadt der dänischen Grammatik. Vielmehr entdeckten wir dort den edelsten Zeltplatz: Da gibt es sanitäre Anlagen mit Musik, die stark an den Saunabereich eines Wellnesshotels erinnern. Zudem fanden sich dort riesige Familienduschenkabinen. Am nächsten Tag nutzten wir den überdachten Kochbereich für unser Frühstück und staunten nicht schlecht über den eingebauten Zündmechanismus der Gasherdplatte. Erst nach dem Frühstück stellten wir etwas konfus fest, dass es auch vollständig geschlossene, geheizte Kochräume gegeben hätte mit riesigen Bildschirmen an der Wand und Tischen mit Tischdecken – beinahe wie im Restaurant.
Nach Ribe fuhren wir über Bramming (da gab es eine leckere Pizza) nach Varde. Wir wollten eigentlich am selben Tag noch nach Bork Havn – unserer Etappenziel – hochfahren. Da wir nach den bei hartem Gegenwind zurückgelegten, knappen 50 km bereits derart müde waren, musste rasch eine Alternative her. Wir beschlossen in das auf der Karte ca. 15 km entfernte Lyne zu fahren. Dass man in Dänemark jedoch nicht wie in Deutschland damit rechnen darf, dass jeder grösseren Strasse entlang auch ein Radweg führt, wird uns eine Lehre sein. Da man auf der Autostrasse sein Leben aufs Spiel gesetzt hätte, mussten wir den Weg nach Lyne auf Nebenstrassen, im Zick-Zack und teilweise auf Schotterstrassen nehmen. Im Endeffekt wurde die Strecke in etwa verdoppelt, so dass wir es an diesem Tag trotzdem auf 80 km gebracht haben. Am nächsten Tag erreichten wir dann endlich und endgültig Bork Havn – nach lockeren und gemütlichen 20 km. Insgesamt haben wir seit unserem Reisestart von Bern aus exakt 1’769 km zurückgelegt, benötigten dafür auf den Tag genau vier Wochen (also 28 Tage) und sind dafür über 100 Stunden auf dem Sattel gesessen. Wie ihr auf dem Foto sehen könnt, sind wir gesund und munter angekommen, und so geht es uns auch jetzt. Nur… Mittlerweile haben wir keine müden Beine mehr vom Fahrradfahren sondern müde Arme vom Surfen :o)
Hang loose und herzliche Grüsse aus Dänemark…


PS: Am zweiten Tag nach unserer Ankunft in Bork Havn haben wir übrigens nicht schlecht gestaunt als plötzlich unsere Bekanntschaft von Sylt hier auftauchte. Ruedi und Ursula wählten zufälligerweise exakt denselben Campingplatz aus wie wir. So verbrachten wir die meisten Abende jassend und mit edlem Nespresso-Kaffee versorgt im geheizten und gemütlichen Wohnmobil der beiden. An ihrem letzten Abend hier wurden wir sogar zum Nachtessen eingeladen und Ruedi beglückte uns mit seiner Kochkunst. Zum Dessert trug er uns das Gedicht vom Hering und der Makrele vor. Danach gingen wir alle zusammen zum Strand, wo bereit das Johannisfeuer brannte zur Feier der Sommersonnenwende. Es war ein ruhiger, beinahe besinnlicher Anlass. Nur die Verbrennung der auf der Spitze montierte Böögg-Hexe haben wir leider verpasst.


Und hier noch die angekündigte, nicht abschliessende Liste mit den lustigen Ortsnamen:Röhrenfurth*, Grauen, Wensebrock, Tötensen, Undeloh, Brunsbüttel, Dingerdonn, Rösthusen, Entenwerder, Dingen, Busenwurth, Büsum, Quickborn, Brickeln, Himmelreich, Weddingstedt, Poppenbühl, Kleinwisch, Grosswisch, Süderwisch und Norderwisch**

*: hat mich auf die Idee gebracht, eine Liste anzufangen
**: nur den Aufwisch haben wir eigentlich nirgends gefunden, höhöö!

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