Montag, 20. Juli 2009

Priviet aus Moskau!

Seit vorgestern Morgen sind wir in Moskau und haben schon den Kreml (die grösste Kanone der Welt, die verschiedenen Zarenkirchen und das politische Machtzentrum Russlands) und den roten Platz besichtigt. Wie schon zuvor in St. Petersburg sind wir ziemlich beeindruckt von den historischen Dimensionen dieser Stadt: Wer hat nicht in der Schule die Themen Bolschewiki, Oktoberrevolution, Lenin, Stalin, Zarenfamilie, russisch-orthodoxe Kirche, etc. behandelt? Und plötzlich steht man persönlich vor dem Lenin-Mausoleum oder den weltberühmten Zwiebeltürmen der Basilius-Kathedrale aus dem Jahr 1555, wow! Abgesehen von diesen Kulturgütern ist die Stadt an sich riesig gross (10.5 Mio Einwohner) und hat das wahrscheinlich grösste und tiefste (bis zu 80 m!) Metronetz der Welt mit architektonisch teilweise unglaublich gestalteten 177 Stationen. Zudem soll Moskau auch die teuerste Stadt überhaupt sein…


Auf der Reise hierher lernten wir noch einige andere nordeuropäische Grossstädte kennen:

An unserem letzten Tag in Bork Havn machten wir noch die lustige Bekanntschaft mit drei Zirkuselefanten, die am Windsurfstrand spazieren gingen und als Andenken ihre riesigen Elefantenäpfel liegen liessen.



Am nächsten Tag (3.7.09) schwangen wir uns mit Sack und Pack wieder auf die Velos und radelten in vier Tagen vom dänischen Westen in den dänischen Osten nach Kopenhagen. Auf diesem Weg lunchten wir im „Cafe Zürich“ in Arhus, bestaunten die Qualleninvasion im Fährhafen und amüsierten uns über die letzten, ziemlich verkaterten Besucher des weltberühmten Rockfestivals in Roskilde.

Kopenhagen selbst ist eine schöne, überschaubare, aber teure Stadt mit vielen Kanälen, moderner Architektur und der grössten Fussgängerzone der Welt, der Strøget. Zudem ist hier Englisch einfach die zweite Landessprache, was uns vieles einfacher machte... :-). Als wir uns über den Velotransport nach Stockholm schlau machen wollten, wurden wir nach Malmö in Schweden geschickt (Zug über den Øresund, ca. 30 Min), wo wir dann feststellen mussten, dass es anscheinend unmöglich war, die Velos mit der schwedischen Staatsbahn bis nach Stockholm zu transportieren. Geht nicht gibt’s nicht, dachten wir, und verbrachten einen ganzen nervenaufreibenden Tag in Malmö mit dem Suchen einer Lösung, die schlussendlich darin endete, dass wir ein Auto mieteten und tags darauf damit - und nicht mit dem Zug - nach Stockholm brausten (650 km)…Tja, immerhin ist Dani nun ein Meister im Bedienen des Tempomats…

Stockholm hat es uns sehr angetan. Die Atmosphäre in der Stadt ist so friedlich, gleichzeitig aber extrem trendy, multikulturell und urban und ebenfalls mit grossen Fussgängerzonen, verteilt über die verschiedenen Zentren der Stadt. Wir wohnten auf einem alten Schiff in einem der vielen Kanäle und hatten einen wunderbaren Ausblick auf die Skyline (Bild). Die Stadt ist zudem ein Shoppingparadies mit unzähligen Läden, Boutiquen und Shops – alles Unikate, die nicht einer grossen Modekette angeschlossen sind. Das heisst, es kommt nicht alle 50 Meter ein H&M und ein Zara, sondern immer wieder was Neues! Zudem ist Schweden ein bisschen billiger als Dänemark, was uns natürlich auch wieder entgegen kam. Wer also in Kürze eine Städtereise plant und noch nicht weiss wohin…

Am Abend des dritten Tages checkten wir im Hafen in eine riesige Autofähre ein und fuhren los Richtung Helsinki (Achtung: Einweiser tragen hier Röckli). Das Schiff war wirklich beeindruckend: 8 Decks, 2500 Passagiere und 430 Autos, zudem ein Casino, ein riesiger Dutyfree und eine shoppingwütige Menschenmenge... Manchmal konnten wir nur den Kopf schütteln. Da die Überfahrt 17 Stunden dauerte, hatten wir sogar eine eigene Kabine. Die befand sich unter (!) den beiden Autodecks, direkt neben den Motoren und mit Sicherheit unter der Wasseroberfläche. Wir beschlossen einfach, uns diese Lage nicht bildlich vorzustellen.

Morgens um 10h kamen wir in Helsinki an und da wir das ein bisschen zu spät merkten und nich gemütlich beim Kaffee sassen, wurde das Aussteigen zu einer logistischen Meisterleistung. Mit unseren Packtaschen zirkelten wir zwischen den extrem eng stehenden Lastwagen und Autos (max. 50 cm) hindurch und packten in Windeseile unsere Velos, die natürlich an vorderster Stelle der ganzen Kolonne standen. Die Schiffsklappe vor unserer Nase begann sich bereits zu öffnen, als wir die letzten Riemen anzogen. Helm an und raus aus dem Schiffsbauch war die Devise...

Nach unserer hektischen Ankunft in Helsinki verspeisten wir im Hafen an einer Bude einen herrlichen Lachs mit Gemüse (eine Seltenheit!) und Kartoffeln und besichtigen die Stadt. Besonders schön fanden wir den weissen Dom auf dem steilen Hügel und vor allem die Felsenkirche, deren Innenraum direkt in einen Fels gehauen ist, der mitten zwischen Wohnhäusern in der Stadt liegt. Alles in der Kirche ist aus Stein oder Metall und von oben sieht die futuristische Kirche wie ein Ufo aus.

Dani war ganz wild auf die skandinavischen Sprachen und lernte brav in jedem Land die wichtigsten Worte. Finnisch ist, wie wir bald feststellten, von gar nichts uns bekanntem abzuleiten und deshalb unglaublich schwierig anzueignen. Wir wissen nicht genau warum, aber lustigerweise scheinen nicht nur Touristen wie wir diese Sprache schwierig zu finden, sondern auch Angehörige der schwedischen Minderheitenbevölkerung in Finnland, denn alle Anzeigen- und Strassentafeln sind zweisprachig angeschrieben: oben finnisch, unten schwedisch.

Den gesamten zweiten Tag in Helsinki verbrachten wir mit dem Suchen einer Velotasche, da wir zu unserem Schrecken wieder festgestellt hatten, dass auch die Finnen keine Velos im Zug mitnehmen, zumindest nicht auf Langstreckenzügen nach Russland, grrrrrrrrrr! Wir schraubten also die Velos auseinander und verpackten sie und waren wild entschlossen, trotz vielfachem „nein, geht nicht“ in unseren Zug nach St. Petersburg zu kommen – und zwar mit den Velos. Die Nacht war dementsprechend unerholsam und am Morgen waren wir beide so nervös wie Tiger im Käfig. Wir bestellten ein Taxi, fuhren mit dem ganzen Baggage an den Bahnhof (wir können nur mit Müh und Not alles selber tragen), eigneten uns das wahrscheinlich einzige Gepäckwägelchen am ganzen Bahnhof an und fuhren vor den Zug. Unauffällig vom Kondukteur beobachtet, luden wir einfach alles ein und fanden zum Glück ein Gepäckabteil, wo alles reinpasste. Der Zug fuhr ab und uns rollte ein Fels vom Herzen. Später erzählte uns der Kondi, dass er am Vorabend von seiner Kollegin am Ticketschalter (Kuh!) informiert worden sei, dass wir kommen würden und er eigentlich sicher gewesen sei, dass er uns nicht mitnehmen würde. Aber da wir alles schön in den Velotaschen verpackt hätten, wäre es ok. Wir seien seit Jahren die ersten, die er mit dem Velo mitnehmen würde, ufff!

Wir reisten am 14.7.09 also offiziell nach Russland ein und waren in entsprechender Hochstimmung. In Petersburg stellten wir fest, dass der Luxus der skandinavischen Länder, dass einfach jeder englisch kann, nun definitiv vorbei ist. Äusserst selten fanden wir jemanden, der ein paar Worte konnte. Nun hiess es also, die Kauderwelsch-Büchlein, kyrillisch Dix und Papier und Stift stets griffbereit zu haben, um uns weiterhin verständigen zu können.
(Bild: Metroschacht in St. Petersburg)

Am ersten Abend trafen wir Albert, ein Mitstudent von Oli an der Fachhochschule Biel, der sein Praktikum in St. Petersburg anstatt der Schweiz macht. Während einem Jahr besteht sein Job aus dem Optimieren von Prozessen in einer Holzbude etwas ausserhalb der Stadt. Voller Begeisterung erzählt er uns von St. Petersburg, was wir anschauen, was wir essen und trinken sollen und wie wir uns in den ÖV zurechtfinden können. Wir sind noch keinen halben Tag in der Stadt und bilden uns ein, schon zu wissen, wie es funktioniert – es war genial! Vielen Dank Albert!

Die nächsten 3 Tage erkunden wir mit Albert’s Tipps die Stadt, wir üben uns im Entziffern der kyrillschen Wörter und im Anwenden der russischen Brocken. Jedes Mal, wenn wir verstanden werden, macht das riesig Spass. Am zweiten Tag fahren wir mit einem halbprivaten Minibus nach Tsarskoe Selo, dem letzten Sitz des Zaren, wo wir nach einer Stunde anstehen in brütender Hitze in den Katharinen-Palast hinein können und die Nachbildung des Bernstein-Zimmers besichtigen dürfen. Es ist einfach fantastisch!


St. Petersburg in ein paar Worten:

- extrem viele Leute auf den Strassen (Einheimische und vor allem auch russische Touristen) und Aufgedonnerte Frauen bis zum Geht-nicht-mehr: blondiert, ultrakurze Röcke und mindestens 10-cm-Absätze Ob zur Arbeit, zum Sightseeing oder Shopping, ohne Stilettos oder andere schicke Schuhe geht gar nichts! Aber, das muss auch gesagt werden: die meisten können dieses Outfit auch tragen und es steht ihnen!

- Viele Russen und Russinnen sind mürrisch und schnauzen einander an. Zudem wird auf den Strassen und vor allem auch auf den Gängen im Hostel nicht gegrüsst. Das war irgendwie seltsam.

- Überall gibt es prunkvolle russisch-orthodoxe Kirchen mit Zwiebeltürmen und diverse andere Prunkbauten und Paläste.
(Bild: Skyline Winterpalast)

- Es wird geheiratet, was das Zeug hält! An ganz normalen Wochentagen stehen herausgeputzte Brautpaare vor den Sehenswürdigkeiten Schlange, um an diesen Orten Hochzeitsphotos machen zu können. Alte Hochzeitsbräuche wie Tauben steigen lassen, Gläser zerschmettern oder einen eigenen Trompeter dabei haben, haben Hochkonjunktur. Zu jeder Hochzeitsgesellschaft gehört auch mindestens eine Stretchlimo und das Brautpaar flanierte extra noch ein bisschen in den öffentlichen Räumen, damit alle die zwei sehen konnten.


Unser Zug nach Moskau fuhr erst um Mitternacht und beim Einsteigen hatten wir noch ein paar Schreckminuten zu überstehen, als einer der Zugbegleiter unsere eingepackten Velos nicht mitnehmen wollte. Zum Glück kam aber per Zufall die Respekt einflössende Zugchefin vorbei und regelte die Sache mit drei Worten. Wir verstanden zwar nur die Zeichen und nicht die gesprochenen Worte, aber auch die Zeichen waren deutlich: unsere Velos kamen mit! Spasibo, Frau Zugchefin!

In unserem Abteil machten wir dann die erfreuliche Bekanntschaft von Alex, einer jungen Petersburgerin, die für zwei Tage nach Moskau reiste, um mit ihrem Schatz die Hochzeitsformalitäten zu klären. Von der Uni her konnte sie sehr gut Englisch und so wurde unsere ganze Fahrt sehr unterhaltsam und informativ und unsere Kommunikation mit den Zugbegleiterinnen wurde um einiges vereinfacht! Danke Alex!

Nach einer 9-stündigen Fahrt kamen wir in Moskau an, verabschiedeten uns von Alex und schraubten unsere Velos noch auf dem Perron wieder zusammen, da wir keine Lust hatten, das ganze Gepäck mühsam zum Taxi zu schleppen und viel zu viel zu bezahlen.

Tja, nun sind wir hier und freuen uns auf die Transsib…
Dosvidanja

PS: Wir lesen immer nur vom schlechten Wetter in der Schweiz und schicken Euch deshalb ein bisschen Sonne. Wir haben seit einer Woche immer über 25 Grad und sind schon ganz braungebrannt…